Leseprobe Band 6

Sigon und der Hüter der Quellen

"Die Quellen des Lebens"

Erwartungsvoll blickte Roman den goldenen Drachen an. Gyll räusperte sich, dann begann er zu sprechen.

«Die folgende Geschichte habe ich in einem Buch gefunden, das sich hier in der Bibliothek befindet. Es enthält wunderschöne Bilder und ihr solltet es euch ansehen, bevor ihr weiterfliegt.»

«Das werden wir auf jeden Fall machen.» Romans Stimme zitterte, so aufgeregt war er.

Gyll fuhr fort: «Vor langer Zeit, als es auf dieser Welt noch keine Tiere oder Menschen gab, war das Land wüst und leer. Erdbeben erschütterten es, Vulkane spuckten ihre Asche in den Himmel und Lavaströme erhellten die Nacht mit ihrem rötlichen Schein. Die Legenden behaupten, dass den Göttern der Anblick dieser Wüste irgendwann nicht mehr gefiel. Sie trafen sich im Krater eines längst erloschenen Vulkans und beratschlagten, was sie tun konnten, um die Welt zu einem schöneren Ort zu machen. Einer der Götter schlug vor, Pflanzen wachsen zu lassen. Doch dazu benötigten sie Wasser. Der Oberste der Götter zögerte nicht lange. Ein Blitz zuckte durch die Nacht und Augenblicke später sprudelte Wasser aus einem Felsen in der Kraterwand.»

Der goldene Drache machte eine kurze Pause und versuchte, sich an alle wichtigen Einzelheiten zu erinnern. «Der Krater füllte sich sehr schnell und schon nach kurzer Zeit rauschten an allen Seiten des Vulkans Wasserfälle hinunter ins Tal. Aus den so entstandenen Bächen wurden mit der Zeit Flüsse und Seen, die große Teile der Welt überfluteten. So entstandenen die Ozeane. Voller Freude sahen die Götter, wie sich nach und nach Leben entwickelte. Erst eroberten die Pflanzen das Meer und das Land, später entstanden alle möglichen Arten von Tieren. Auch Drachen und Menschen bevölkerten jetzt die Welt. Um die  „Quellen des Lebens“ zu schützen, schufen die Götter einige ganz besondere Drachen. Ihre Aufgabe war und ist es, Böses von den Quellen fernzuhalten, denn auch heute noch sorgen diese dafür, dass das Leben auf unserer schönen Welt gedeihen kann. Man nennt die blauen Drachen auch die Hüter der Quellen. Und sie nehmen ihre Aufgabe sehr ernst.»

Verwundert blickte Sigon den goldenen Drachen an. Wenn die blauen Drachen sich so verhielten, wie Gyll es geschildert hatte, wie war es dann möglich, dass ihnen mehrere Eier gestohlen worden waren?

«War es immer so, dass die blauen Drachen niemanden in ihre Nähe gelassen haben?»

Gyll schüttelte den Kopf. «Nein. Einige Bilder in dem Buch zeigen, wie sich Menschen auf den Weg zu den Quellen machen und den blauen Drachen Geschenke bringen. Aber irgendetwas muss geschehen sein. Was auch immer es war, es führte dazu, dass die Hüter der Quellen jeden Eindringling angreifen, der sich ihnen zu nähern versucht.»

Sigon ahnte, was der Grund für den Sinneswandel der blauen Drachen war.

«Man hat ihnen mehrere ihrer Eier gestohlen», rief er zornig.

«Das dürfte Grund genug dafür sein, dass sie niemanden mehr an sich heran lassen», antwortete Gyll.

«Vielleicht haben die Diebe geglaubt, dass die blauen Drachen ganz besondere Fähigkeiten besitzen, die die anderen Drachen nicht haben», warf Roman ein.

«Vielleicht. Allerdings habe ich keine Vorstellung davon, um welche besondere Fähigkeit es sich handeln könnte», seufzte Sigon.

Roman überlegte. «Welche Farbe hatte eigentlich der Drache, der vor Aureon Drachenkönig war?», fragte er Sigon.

«Er war goldfarben, was sonst?»

«Das meine ich nicht, Sigon. Welche Farbe hatte er, bevor er zum goldenen König wurde?»