Leseprobe Band 2

Sigon und der Kristall des Königs

Kapitel 1 – Der Raub der Kristallkugel

Aureon, der goldene König der Drachen, lag auf seinem funkelnden Schatz und schlief. Da er der König aller Drachen auf dem westlichen Kontinent war, konnte er nicht den ganzen Winter verschlafen, wie es viele der anderen Drachen gerne taten. Die meiste Zeit über herrschte er im Verborgenen und wachte darüber, dass seine Untertanen nicht zu übermütig wurden. Manche neigten dazu, über die Stränge zu schlagen, wenn sie glaubten, dass Aureon nicht so genau hinsah. Deshalb schlief Aureon nie sehr lange, nur höchstens mal ein paar Tage am Stück. Mehr als tausend Jahre war er jetzt schon der König der Drachen. Die langen Jahre der Wache und des Kampfes gegen die bösen Drachen hatten ihn müde gemacht und so war er dieses Mal in einen viel tieferen Schlaf gefallen als sonst. Plötzlich schreckte Aureon hoch. Da war ein Geräusch gewesen, er war sich ganz sicher. Außer ihm befand sich niemand in seinem Thronsaal, der „Goldenen Halle“. Nur einige grüne Drachen wechselten sich mit der Bewachung des Palastes ab. In der Regel blieben sie vor den Toren und betraten den Palast und die Halle nur auf seinen Befehl hin. Da, er hatte es wieder gehört. Es klang nicht nach Schritten sondern eher wie ein leises Kratzen auf Stein. Was ging hier vor? Der alte Drache erhob sich von seiner funkelnden Lagerstätte und bewegte sich langsam und vorsichtig auf die Stelle zu, von der das seltsame Geräusch zu kommen schien. Aber da war niemand. Kein anderer Drache, kein Tier oder Mensch hielt sich neben ihm im Thronsaal auf. Aureon blickte sich suchend um, dann stutzte er. In der Wand am hinteren Ende des Saales, die nicht von Schnitzereien oder anderen Kostbarkeiten bedeckt war, befand sich ein Riss, den er vorher noch nie bemerkt hatte. In der Nähe des Risses stand ein Tisch und auf ihm sollte seine Kristallkugel stehen.

Seitdem er Drachenkönig geworden war, besaß Aureon große Macht. Mit seinem „magischen Auge“, wie er eine der besonderen, nur dem Drachenkönig vorbehaltenen magischen Fähigkeiten nannte, konnte Aureon in Gedanken weite Strecken zurücklegen und das Treiben seiner Untertanen beobachten. Diese Fähigkeit hatte vor einiger Zeit die Stadt Shi-ang vor dem Untergang bewahrt. Die Kristallkugel diente ihm ebenfalls dazu, einen Blick auf entfernte Regionen seines Königreiches zu werfen. Sie ermöglichte es ihm aber auch, mit anderen Drachen, die weit entfernt lebten, in Kontakt zu treten. Die Kugel übertrug seine Gedanken zu diesen Drachen und deren Gedanken zurück zu ihm. Diese Kugel hatte schon seinem Vorgänger gehört und er hatte sie immer in Ehren gehalten. Aureon war klug und benutzte die Kristallkugel nur selten. Es musste ja nicht jeder wissen, über welche Kräfte der Drachenkönig verfügte. Der goldene Drache blickte zu dem Tisch, auf dem die Kugel stehen sollte. Doch der Tisch war leer. Seine Kristallkugel war verschwunden. Aureon war stinksauer. Sein wütendes Brüllen hallte von den Wänden der riesigen Halle wider. Wer hatte es gewagt heimlich in sein Reich, ja sogar bis direkt in den Thronsaal, einzudringen und seinen wertvollsten Schatz zu stehlen?

Aureon war im Grunde ein sanfter und weiser Drache. Aber diesen feigen Dieb würde er nicht davonkommen lassen. Nur, wo war der Dieb? Durch den Riss konnte er nicht gekommen sein, denn er war viel zu schmal für einen Drachen. Der König kniff die Augen zusammen. Der Riss schien kleiner zu werden. Handelte es sich etwa um eine Geheimtür, die er, der König der Drachen und Eigentümer dieser Hallen, nicht kannte? Oder war es ein Tor in eine andere Welt, das sich gerade langsam wieder schloss? Aureon dachte nicht länger darüber nach und steckte die Krallen seiner rechten vorderen Klaue in den Riss, um zu verhindern, dass er sich weiter verschloss. Er war sehr überrascht, als er bemerkte, dass die Wand sich nicht wie der feste Stein anfühlte, aus dem sie eigentlich bestand. Sie war weich wie Butter und der Riss ließ sich mühelos verbreitern. Aureon zögerte kurz, dann sprang er hindurch auf die andere Seite. Für einen Moment fragte er sich, was ihn wohl dort erwarten würde. Direkt nachdem Aureon durch die Öffnung in der Wand getreten war, begann sich der Riss wieder zu schließen. Schon zwei Minuten später war von der Öffnung nichts mehr zu sehen und die Wand bestand wieder aus festem Stein. Stille breitete sich in der großen Halle aus.