Leseprobe Band 1

Sigon und der rote Drache

Kapitel 1 – Wie alles begann

Sigon, der blaue Drache, hatte es sich in seiner Höhle in den Grünen Bergen gemütlich gemacht, denn der Winter stand kurz bevor. Sigon hatte die Augen geschlossen und döste vor sich hin. Es war eine schöne Höhle, in der er lebte. Die Wände schimmerten im Licht des Feuers, das Sigon manchmal aus Spaß ausstieß. Doch jetzt lag er einfach nur da und träumte von einem riesigen Berg von Gold und Edelsteinen. Alle Drachen lieben Schätze und überhaupt alles, was glänzt und glitzert. Plötzlich fuhr Sigon hoch. Er hatte doch eben ein Geräusch gehört. War etwa jemand in seiner Höhle? Tatsächlich, auf einmal stand ein Junge vor ihm. Er mochte vielleicht elf oder zwölf Jahre alt sein. Für einen Moment dachte Sigon, dass er noch immer träumte. Aber der Junge stand wirklich dort, direkt vor seiner Nase. Sigon war von dem Anblick so überrascht, dass ihm nichts Besseres einfiel, als zu fragen: «Hast du gar keine Angst vor mir, dem großen Sigon?»
Der Junge schüttelte den Kopf. «Nein, ich habe keine Angst. Du bist doch Sigon, der gute, blaue Drache, oder?» Dass der Junge keine Angst hatte, war schon sehr verwunderlich, denn der Drache war bestimmt mehr als zehnmal so groß wie er. Sigon war erstaunt über den Mut des Jungen, aber er war auch neugierig, wie alle Drachen. «Was willst du von mir?» fragte er seinen ungebetenen Besucher.
Der Junge begann zu erzählen: «Mein Vater, der vor deiner Höhle auf mich wartet, und ich kommen von weit her, aus den Ebenen des Nordens. Dort herrscht Radon, ein böser Drache, über das Land, die Menschen und Tiere. Kolgen, unser Dorf, liegt in unmittelbarer Nähe von Radons Behausung. Alle haben Angst vor ihm. Nachts geht er oft auf die Jagd und stiehlt uns unser Vieh. Auch verlangt er nach jedem Stück Gold und jedem Edelstein, den die Menschen in meinem Land besitzen.» Sigon sah den Jungen an. Die goldenen Augen des Drachen leuchteten mit seinen blauen Schuppen um die Wette. «Von Radons Untaten habe ich schon gehört. Aber was willst du nun von mir? Und wie heißt du eigentlich?»
«Ich heiße Roman. Wir sind zu dir gekommen weil mein Vater gehört hat, dass du ein starker Drache und ein großartiger Feuerspucker bist. Die Leute, die wir auf dem Weg zu dir getroffen haben, sagten alle, dass du ein gutes Herz hast. Bitte hilf uns, den bösen Drachen zu vertreiben», erwiderte der Junge. Sigon dachte nach. Er hatte die Grünen Berge lange nicht verlassen. Eigentlich wurde es mal wieder Zeit, dass er andere Länder besuchte. Und die Ebenen des Nordens kannte er gut, denn dort hatte er einige Hundert Jahre lang selbst gelebt. «Kehre zurück in dein Land, Roman. Wenn der Frühling kommt, werde auch ich nicht mehr weit sein.»
Roman war überglücklich. Er verließ die warme, schimmernde Höhle des Drachen und kehrte zusammen mit seinem Vater in sein eigenes Land zurück. Eigentlich hatte er seinen Vater nur begleiten wollen, aber dann hatten sie entschieden, dass Sigon sicherlich freundlicher auf Roman als auf seinen Vater reagieren würde. Und so war es Roman gewesen, der Sigon aufgesucht hatte, während sein Vater vor der Höhle Wache hielt. Zuhause in Kolgen, dem Dorf in dem Roman lebte, berichteten sie allen Menschen, dass bald nicht nur der Frühling kommen werde, sondern auch Romans neuer Freund Sigon. Und Sigon würde den bösen Drachen Radon vertreiben, da war sich Roman ganz sicher. Bald wurden die Tage länger und der Frühling war nicht mehr weit. Von seinem Turm aus beobachtete Radon die Menschen und fragte sich, warum alle so aufgeregt waren. Radon wusste nicht, dass Roman einen anderen Drachen um Hilfe gebeten hatte und so machte er sich in den noch kalten, dunklen Nächten oft auf den Weg, um Schafe oder Kühe zu jagen. Die Menschen hatten Angst vor ihm und blieben deswegen nachts lieber in ihren Hütten.
Von den ersten wärmenden Strahlen der Frühlingssonne geweckt, kroch Sigon aus seiner Höhle. Er spreizte die Flügel und flog hoch hinaus in die warme, nach Frühling duftende Luft. Gab es etwas Schöneres als durch die Luft zu fliegen, sich vom warmen Wind treiben zu lassen und die Welt von oben beobachten zu können? Sigon freute sich über die warme Sonne und die Freiheit, tun und lassen zu können, was er wollte. Und jetzt wollte er sein Versprechen einlösen. Kurze Zeit später machte er sich auf den langen Weg nach Kolgen, wie er es Roman versprochen hatte. Viele Tage schon beobachtete Roman den Himmel. Plötzlich hörte er ein Rauschen in der Luft. Erst war nur ein kleiner Punkt am Himmel zu sehen, aber dann konnte Roman erkennen, wie ein blauer Drache mit kräftigen Flügelschlägen immer näher kam.
Auch Radon hatte das Rauschen der Drachenschwingen gehört. Er verließ seinen Turm und flog auf einen hohen Felsen. Dort wartete er auf die Ankunft des blauen Drachen. Radon war wütend. Was wollte dieser fremde Drache hier? Kannte er ihn? Wollte der Andere vielleicht seine Burg erobern und selber die vielen leckeren Kühe und Schafe jagen? Aber sein Gegner würde schon sehen, dass sich Radon nicht so leicht von seinem Land vertreiben ließ. Er führte hier ein gutes Leben und hatte keinen Grund, sich zu beklagen. Die Menschen in der Umgebung sahen das wahrscheinlich mit anderen Augen, aber das war Radon egal. Seitdem Radon das Nebelgebirge verlassen hatte und in die Ebenen des Nordens gezogen war, waren so viele Jahre vergangen, dass er schon vor langer Zeit aufgehört hatte, diese zu zählen. Er war bereit, seine Burg, seine Schätze und das Land gegen jeden Gegner, auch gegen diesen blauen Drachen, zu verteidigen. Radon spreizte seine Flügel und schwang sich in die Luft. Der andere Drache war schon ganz nah. Dann hörte er die Stimme seines Gegners. «Du bist also Radon, der Schrecken der Länder des Nordens. Ich habe schon viel von dir gehört und meistens nichts Gutes.» Radon lachte: «Das wundert mich nicht. Bevor ich dich töte, wüsste ich aber gerne, wer du bist und wie du heißt?»
«Mein Name ist Sigon und ich lebe in den Grünen Bergen. Ich bin gekommen, um dich aus diesem Land zu vertreiben, damit die Menschen hier wieder in Ruhe und Frieden leben können.» Jetzt lachte Radon nicht mehr. Er stieß ein donnerndes Gebrüll aus. «Mich vertreiben? Das schaffst du nie. Komm, lass uns kämpfen, dann werden alle sehen, wer der Stärkere ist!» Der Kampf der beiden Drachen begann. Radon griff Sigon mit seinen Klauen an. Sigon jedoch spuckte Feuer und versuchte, Radons Beine zu verbrennen. Aber die Schuppen an den Beinen des bösen Drachen hielten Sigons Feuer stand. Vor langer Zeit einmal war Radon von einem Ritter angegriffen worden. Dieser hatte eine seiner Rückenschuppen abgetrennt. Die Wunde war gut verheilt, aber eine neue Schuppe war nicht nachgewachsen. Dies war die einzige Stelle von Radons Körpers, die nicht gegen Angriffe geschützt war. Aber niemand wusste davon und Sigon würde sicherlich nicht genau diese Stelle mit seinem heißen Feuer treffen.
Der Kampf wurde immer heftiger. Die Drachen brüllten und fauchten, so laut sie konnten. Radon ergriff große Felsbrocken und schleuderte sie gegen Sigon, der den Brocken auswich oder sie einfach mit seinem magischen Drachenfeuer verbrannte. Dann geschah es. Radon flog unter Sigon hindurch, um diesen von unten anzugreifen. In diesem Moment schoss ein sengend heißer Feuerstrahl aus Sigons Maul und traf Radon am Rücken. Normalerweise wäre das nicht schlimm gewesen, denn Drachenpanzer halten, wie gesagt, das Feuer anderer Drachen problemlos aus. Doch Sigon traf durch Zufall genau die Stelle an Radons Rücken, die durch seine alte Verletzung ungeschützt war. Das heiße, magische Feuer fuhr in Radons Körper und verbrannte ihn. Radon brüllte vor Schmerz und Sigon erkannte, dass der andere Drache durch sein Feuer verwundbar war. Ein weiterer Feuerstrahl Sigons traf Radons Rücken. Radon stürzte wie ein Stein vom Himmel und prallte auf einen mit Felsbrocken übersäten Abhang. Der böse Drache war tot. Sigon flog hinüber zum höchsten Felsen. Er hatte gesiegt und feierte diesen Sieg nun lautstark. Die Bewohner Kolgens hatten sich während des Kampfes in ihren Hütten versteckt. Ängstlich lauschten sie auf das Brüllen und Fauchen der beiden Drachen, wussten aber nicht, wer von den beiden die Oberhand behielt. Wenn es Radon gelang, Sigon zu besiegen, würde seine Rache an den Menschen von Kolgen wahrscheinlich fürchterlich sein. Nachdem endlich Ruhe eingekehrt war, dauerte es eine Weile, bis die ersten Dorfbewohner vorsichtig ihren Kopf zur Tür hinaus streckten und begriffen, dass Radon tot war. Sigon, der gute, blaue Drache hatte sie befreit.