Leseprobe Band 3

Sigon und die Eisdrachen

Kapitel 1 – Das Drachenfest

Laurana und Chiara liefen lachend durch den Palastgarten und hängten Papierdrachen in einige Bäume und Sträucher. Heute war ein besonderer Tag, denn die Feierlichkeiten zum alljährlichen Drachenfest in Shi-ang würden ihren krönenden Abschluss finden. Seit Tagen schon wurde die ganze Stadt festlich geschmückt. Rote Lampions und bunte Bänder waren an jeder möglichen Stelle aufgehängt worden. Herrliche Blumengebinde säumten die Straßen und fast jedes Haus war von seinen Bewohnern geschmückt worden. Das Drachenfest war der Höhepunkt des ganzen Jahres seit vor einigen Jahren ein Angriff des bösen Drachen Firenze und einigen seiner Freunde auf die Stadt wie durch ein Wunder abgewehrt worden war. Firenze hatte den Kampf nicht überlebt, aber einige seiner Begleiter hatten es geschafft und sich verletzt und mit dunklen Gedanken ins Nebelgebirge zurückgezogen.

Auf Seiten Shi-angs hatte damals ein blauer Drache namens Sigon gekämpft. Sigon wurde von Roman, einem Jungen aus den nördlichen Ebenen, geritten. Beide wurden von Chiara und Laurana, den Töchtern des Fürsten von Shi-ang, von Mei-Linn und von den grünen Drachen begleitet. Auch einige weiße Drachen waren der Stadt zusammen mit den Drachenreitern von Yu-on zu Hilfe gekommen. Doch wäre die Stadt trotz ihrer mutigen Verteidiger nicht zu retten gewesen, wenn nicht Aureon, der goldene Drachenkönig, in den Kampf eingegriffen hätte. Zu Ehren der mutigen Drachen und ihrer Reiter wurde seit diesem schicksalshaften Tag alljährlich das Drachenfest gefeiert. Während des Festes ruhte die Arbeit in der ganzen Stadt und viele Menschen waren nur zum Vergnügen auf den Straßen unterwegs. Einige verkleideten sich als Drachen, andere als Kämpfer, wieder andere trugen lange Stäbe, an denen farbige Papierdrachen befestigt waren. Überall spielten Männer auf großen Trommeln. Es war ein lautes und buntes Fest. Chiara und Laurana liebten es und konnten den Beginn der heutigen Hauptfeierlichkeiten wie immer kaum erwarten. Von Ferne drangen die ersten dumpfen Trommelschläge der riesigen Kriegstrommeln an ihre Ohren. Die Mädchen stürmten aus den Gärten heraus auf die breite Straße, die entlang der Palastmauern verlief. Der Festumzug hatte soeben begonnen, als die beiden Prinzessinnen auf die Straße traten. Die Zuschauer entlang des Zuges jubelten den verkleideten Tänzern zu. Es war ein herrlicher Anblick. Die Luft war erfüllt vom Lärm der Trommeln und den Düften der Garküchen, die heute an jeder Straßenecke Shi-angs ihre Köstlichkeiten zum Kauf anboten.

Laurana hatte gehofft, dass Roman dieses Jahr nach Shi-ang kommen würde. Und für einen Besuch gab es für einen Drachenreiter wie ihn kaum einen besseren Zeitpunkt als das Drachenfest. Aber Roman war nicht gekommen. Sie hatte schon mehr als ein Jahr nichts mehr von ihm gehört. Ob er wohl seine Ausbildung als Heiler begonnen hatte? Roman hatte während der Schlacht um Shi-ang gezeigt, dass mehr von einem Krieger als von einem Heiler in ihm steckte. Laurana wüsste nur zu gern, für welchen Weg sich Roman entschieden hatte. Vielleicht wusste Sigon, der blaue Drache aus den Grünen Bergen, mehr dazu. Er war sehr eng mit Roman befreundet und besuchte ihn regelmäßig in Kolgen, Romans Heimatdorf in den nördlichen Ebenen.

Sigon, Emerald und Alba wurden zum Höhepunkt des Festes, der heute Abend stattfinden würde, erwartet. Emerald, der Fürst der grünen Wächterdrachen, war während der Schlacht um Shi-ang von Mei-Linn, einem Mädchen aus Yu-on, geritten worden. Alba war der Fürst der weißen Drachen, die in der Nähe Yu-ons lebten und die in der Schlacht von ihren Drachenreitern begleitet wurden. Mei-Linn war mittlerweile selbst zu einer echten Drachenreiterin geworden und ritt in der Regel auf Alba. Laurana seufzte. Die anderen erlebten Abenteuer oder erlernten einen interessanten Beruf. Nur sie und ihre Schwester Chiara hatten nichts Bedeutenderes zu tun, als hübsch auszusehen und darauf zu warten, von dem passenden Mann geheiratet zu werden. Bis zum Kampf um Shi-ang war dies auch Lauranas Wunsch gewesen. Doch sie hatte in der Schlacht andere Seiten an sich entdeckt und erwartete nun selber mehr von ihrem Leben. Das Leben im Palast war komfortabel, aber auch sehr langweilig. Sie wusste, dass es Chiara genauso erging. Chiara war eine verwöhnte, hübsche Prinzessin gewesen, bevor sie mit Sigon und Roman los flog, um die grünen Drachen zu suchen. Diese Reise und die anschließende Schlacht hatten auch Chiara verändert. Sie liebte noch immer schöne Kleider und glitzernden Schmuck. Aber auch sie sehnte sich nach einer echten Aufgabe.

Laurana schob diesen eher unerfreulichen Gedanken beiseite und konzentrierte sich wieder auf das Fest. Am frühen Abend würde sie auf einen nahegelegenen Hügel steigen und die Ankunft der Drachen beobachten. Vielleicht ergab sich ja heute schon die Gelegenheit, ein wenig mit Sigon und den anderen Drachen zu plaudern. Der Umzug dauerte mehrere Stunden. Als die letzten Tänzer und Musiker an ihnen vorbeigezogen waren, kehrten die Schwestern wieder in den Palast zurück. Laurana bereitete sich auf ihren Ausflug zu dem Hügel vor, wo sie die Ankunft der Drachen erwarten wollte. Es war natürlich völlig undenkbar, dass sie diesen Weg alleine ging. Ein Soldat würde sie begleiten und im Notfall beschützen. Der Soldat trug auch das Fernrohr, dass Laurana aus dem Studierzimmer des Palastes mitgenommen hatte. Sie stiegen auf den Hügel und suchten den Himmel ab. Vögel schwirrten durch die Luft und zwitscherten vergnügt. Nach einer Weile wurde es eigenartig still um sie herum. Laurana wusste, dass diese Stille nur auf die Nähe der Drachen zurückzuführen war. Ihr Beschützer hielt das Fernrohr an ein Auge und deutete auf einen weit entfernten Punkt links von ihnen. Laurana riss ihm das Fernglas fast aus der Hand, um selber zu sehen, wer dort auf sie zukam. Drei Drachen näherten sich der Stadt. Schnell lief sie hinunter zum Fuß des Hügels. Die Drachen würden dort wie jedes Jahr landen und erst einmal eine Pause einlegen. Zum Höhepunkt des Drachenfestes würden sie dann eine atemberaubende Flugschau vorführen. Ein riesiges Feuerwerk würde die Flugkünste der Drachen ins rechte Licht rücken. Jeder Einwohner von Shi-ang fieberte an diesem Tag der Dämmerung entgegen.

Sigon, Emerald und Alba flogen auf Shi-ang zu. Es war immer wieder ein Erlebnis, die schöne Stadt aus der Luft zu betrachten. Ihre beiden Begleiter, Roman und Mei-Linn, starrten ebenfalls gebannt nach unten. Die Drachen drehten eine kurze Runde über der Stadt, dann landeten sie auf dem vorbereiteten Platz am Fuße des Hügels wo Laurana sie erwartete. Laurana war mehr als überrascht, die beiden Freunde zu sehen. Roman war also doch gekommen. Und Mei-Linn auch.

«Roman, Mei-Linn», rief Laurana, «wie schön, dass ihr auch da seid.»

Sie lief zu ihnen und umarmte beide. Dann verbeugte sie sich vor den Drachen und begrüßte auch diese. «Ich bin stolz darauf, euch heute Abend zum Drachenfest von Shi-ang begrüßen zu können», sagte sie etwas förmlich. Die riesigen Tiere flößten ihr immer noch Respekt ein.

Sigon erwiderte die Begrüßung: «Ich freue mich auch, dich gesund und munter zu sehen, Laurana. Wie geht es deiner Schwester und dem Fürsten?»

«Es geht allen sehr gut, Sigon», antwortete das Mädchen. «Die Menschen von Shi-ang erwarten euch ebenfalls sehnsüchtig. Ich bin froh, dass ihr kommen konntet.»

«Ein Drachenfest ohne Drachen wäre wirklich nicht gut vorstellbar», lachte Emerald. Der grüne Drache sah sich um. «Ihr habt die Stadt wirklich wieder wunderschön herausgeputzt.»

«Das gehört einfach dazu», sagte Laurana, «die Frauen Shi-angs haben die Wintermonate genutzt und einige neue Dekorationen und Kostüme entworfen. Kommt mit in die Stadt und seht selbst.»

Die Drachen beschlossen, noch ein wenig zu rasten, aber Roman und Mei-Linn gingen gerne mit. Gespannt betraten sie die Stadt, die sie immer wieder in Erstaunen versetzte. Sie waren in kleinen Dörfern aufgewachsen und diese Pracht, aber auch die Enge nicht gewöhnt.

«Ich mag Shi-ang», sagte Roman zu Laurana, «aber ich könnte es hier wahrscheinlich nicht länger als ein paar Tage aushalten.»

«Das finde ich sehr schade», antwortete sie. «Das Leben hier hat viele Vorteile, wenn man es mit dem einfachen Leben in euren Dörfern vergleicht.»

«Aber auch ein paar Nachteile!», lachte Mei-Linn. Sie war der gleichen Ansicht wie Roman. Es war schön, die Stadt zu besuchen, aber es war auch schön, sie wieder verlassen und in ihr ruhiges Dorf zurückkehren zu können.

Chiara erwartete sie an den Eingängen zu den Palastgärten. Sie begrüßten sich freudig und liefen dann zur großen Tribüne. Von hier aus wollten sie das Feuerwerk und die Kunststücke der Drachen beobachten. Als Prinzessinnen standen Laurana und Chiara natürlich die besten Plätze zu und Roman und Mei-Linn, die auf ihren Drachen zur Rettung der Stadt beigetragen hatten, durften neben ihnen Platz nehmen. Die Sonne war schon längst im Meer versunken und die Einwohner Shi-angs drängten sich auf dem großen Festplatz zusammen. Die Drachen erschienen erst, als das Zwielicht der Dämmerung schon fast in die Dunkelheit der Nacht übergegangen war. Der Fürst, in ein festliches Gewand aus silberner Seide gehüllt, begrüßte sie ehrfurchtsvoll und gab den wartenden Feuerwerksmeistern ein Zeichen. Es knallte gewaltig und ein riesiger Feuerball stieg über dem Festplatz empor. Die Drachen, die bislang ruhig ihre Kreise über der wartenden Menschenmenge gezogen hatten, brachten sich in Position. Die Lichter des Feuerwerks beleuchteten sie geheimnisvoll. Ihre gewaltigen Flügel rauschten im Wind und im Laufe der nächsten halben Stunde vollführten sie ein haarsträubendes Flugmanöver nach dem anderen. Es war ein atemberaubender Anblick. Als die letzte Rakete, die einen goldenen Feuerregen in den tiefschwarzen Himmel zauberte, der an Aureon erinnern sollte, in die Luft geschossen worden war, blieb es einen Moment still. Dann brandete tosender Beifall auf. Die drei Drachen flogen noch eine Schleife, sausten haarscharf über die Köpfe der Ehrengäste auf der Tribüne hinweg und verschwanden im Dunkel der Nacht. In der Stadt aber war das Drachenfest noch lange nicht zu Ende. Die Garküchen boten traditionell bis zum Morgengrauen ihre Speisen an, Musikgruppen zogen durch die breiten Prachtstraßen rund um den Palast und viele Leute verbrachten die laue Sommernacht auf den Straßen und Plätzen Shi-angs.

Laurana, Chiara und ihre Freunde genossen das Fest in vollen Zügen und kehrten erst sehr spät in den Palast zurück. Roman und Mei-Linn bekamen jeder ein herrlich dekoriertes Zimmer zugewiesen. An den mit hellem Holz getäfelten Wänden hingen Teppiche aus roter und goldener Seide. Die Betten waren riesig und mit weichen Kissen und Decken bedeckt. Beide schliefen schon nach kurzer Zeit erschöpft ein.

Die drei Drachen zogen sich auf den Platz vor dem Hügel zurück. Sie unterhielten sich eine Weile, dann legten auch sie sich hin und schlossen ihre Augen für ein kurzes Nickerchen. Tief schlafen würden Alba und Sigon erst wieder im Winter, Emerald dagegen hielt keinen Winterschlaf. Die grünen Drachen bewachten Aureon, den goldenen König, der genau wie sie immer wachsam war und die Geschehnisse in seinem Reich im Blick behielt.

2 – Aufbruch ins Ungewisse

Chiara war nach dem wundervollen Fest noch immer so aufgeregt, dass sie nicht einschlafen konnte. Sie hüpfte aus ihrem Bett, zog sich schnell einen Morgenmantel an und verließ leise ihr Zimmer. Sie würde noch ein wenig in den Palastgärten spazieren gehen. Eigentlich hatte ihr Vater ihr verboten, nachts alleine in die Gärten zu gehen, aber was sollte schon passieren. Die hohen Mauern machten es jedem Eindringling sehr schwer, in die Gärten zu gelangen. Sie liebte den Garten zu jeder Jahreszeit. Er barg viele gut versteckte Orte. In der Nacht aber war der Garten noch geheimnisvoller als am Tag. Der Nachthimmel war tiefschwarz und die Sterne funkelten am Himmel. Der Mond stand hoch über der Stadt und sein silbriges Licht beleuchtete den nächtlichen Garten. Chiara lief über die im Mondlicht gut sichtbaren geharkten Wege bis zu einem kleinen Teich. Am Rande des Teiches, von einer hohen Mauer umgeben, stand ein kleiner Brunnen. Dies war einer ihrer Lieblingsplätze. Chiara blieb überrascht stehen. Das leise Plätschern des Brunnenwassers, das ihr so gut gefiel, war verschwunden. Stattdessen lag ein riesiges Ei auf der flachen Schale, aus der das Wasser sonst in das tiefer gelegene ovale Brunnenbecken floss.

«Ob das wohl ein Drachenei ist?», sagte sie laut zu sich selbst. Aber wer hatte es dorthin gelegt? Vorsichtig näherte sich Chiara dem Ei. Im Mondlicht schimmerte es grünlich. Chiara berührte es sanft. Das Ei war warm, konnte also noch nicht lange hier liegen. Dies war eigentlich der Moment, in dem Chiara Hilfe hätte holen müssen. Aber sie war so in den Anblick des fremdartigen Eies vertieft, dass sie alles um sich herum vergaß. Ob sie es wohl in die Hand nehmen durfte? Chiara sah sich um. Es war niemand da, der es ihr verbieten konnte. Ohne noch einmal darüber nachzudenken, umfasste Chiara das Ei mit beiden Händen und hob es vorsichtig vom Brunnen herunter. Beinahe hätte sie es fallen lassen, denn das Ei wechselte seine Farbe, als sie es anhob. Erst leuchtete es grünlich auf, dann wurde es rot. Chiaras Hände zitterten. Als sie das Ei gegen das helle Mondlicht hielt, schrie sie leise auf. Das Ei wurde durchsichtig und in seinem Inneren war deutlich der Körper eines kleinen Drachen zu erkennen. Chiara wollte das Ei schnell an seinen Platz zurücklegen, doch es war zu spät. Der Drache öffnete eines seiner Augen und starrte sie an. Dann hörte sie plötzlich eine leise Stimme. Es war nicht viel mehr als ein heiseres Wispern.

«Komm zu mir. Ich brauche deine Hilfe.»

Chiara zögerte. Es war eine angenehme, vertrauenerweckende aber auch traurige Stimme. Wer auch immer es war, er brauchte vielleicht wirklich Hilfe. Aber was konnte sie schon tun? Sie blickte erneut in das Ei hinein und bunte Lichter explodierten vor ihren Augen. Geblendet schloss sie für einen Moment die Augen. Als sie sie wieder öffnete, wusste Chiara sofort, dass sie verzaubert worden war. Eine Mischung aus Angst und Neugier durchströmte sie, als sie sich in der fremdartigen Welt umsah, in die der Zauber sie gebracht hatte. Direkt vor ihren Augen schimmerte die Luft und für ein paar Sekunden erhaschte sie wie durch einen dichten Nebelschleier einen Blick auf den Palastgarten. Der Platz vor dem Brunnen, wo sie eben noch gestanden hatte, war leer. Das Ei aber lag wieder grünlich schimmernd auf dem Brunnen. Immer blasser wurde das Bild. Chiara streckte die Hand danach aus, doch in diesem Moment löste sich das Bild auf und das matte Leuchten verschwand. Chiaras Finger griffen nach nichts als leerer, eisiger Luft.