Leseprobe Band 5

Sigon und die Suche nach der goldenen Stadt

… Am Abend unterhielt sich Do-Lin mit den drei Jungen, die nach dem Abendessen hundemüde am Tisch saßen. Er erzählte ihnen von seiner Unterhaltung mit dem Kapitän. Yuri hob interessiert den Kopf.

«Du meinst, es gibt vielleicht einen Zauber, der die Meeresdrachen davon abhält, das Schlangenmeer zu verlassen?»

«Das würde auch erklären, warum sie so wütend sind», bemerkte Ansa.

Miho war nicht überzeugt. «Warum sollte jemand die Meeresdrachen dort einsperren?»

«Vielleicht wegen Gong-Gong.» Yuri war auf einmal hellwach. Do-Lin sah ihn überrascht an.

«Wegen Gong-Gong? Was meinst du damit?»

Yuri wurde klar, dass er seinem Freund bislang nichts über die Legende erzählt hatte.

«Die Legende von Gong-Gong, dem gehörnten, schwarzen Dämon, ist der Grund, warum wir auf diesem Schiff sind», erklärte er schnell.

Yuri wiederholte die Geschichte, die sein Großvater ihm erzählt hatte. Er vergaß auch nicht zu erwähnen, dass Gong-Gong angeblich aus dem Schlangenmeer stammte und seine Nachfahren vielleicht immer noch dort lebten. Do-Lin strich sich über den Bart. Er kannte diese Legende, hatte sie wohl vor Urzeiten gehört, wie Yuris Großvater auch. Dennoch war sie ihm selbst beim Anblick des Schiffes mit diesem seltsamen Namen nicht wieder eingefallen.

«Danke, Yuri. Du hast mich vielleicht gerade auf die entscheidende Spur gebracht.»

Yuri sah den alten Mann überrascht an.

«Du sagtest, dass Gong-Gong, nachdem er von den Göttern besiegt wurde, verschwunden ist. Vielleicht wollten die Götter sicherstellen, dass kein Unheil mehr vom Schlangenmeer ausgehen kann und haben einen Zauberbann drum herum gelegt. Die Meeresdrachen befinden sich innerhalb der Grenzen dieses Bannspruches und können nicht hinaus. Aber im Schlangenmeer sind sie die unumstrittenen Herren und setzen alle ihre Kräfte ein, um Eindringlinge zu töten und ihre Schiffe zu zerstören. Wie alle Drachen haben sie magische Fähigkeiten. Vielleicht kann ihr Fürst ja den Wind beschwören. Ein Glück, Yuri, dass dir dein Großvater ausgerechnet diese Geschichte erzählt hat.»

Yuri, Miho und Ansa waren sprachlos. Yuri erinnerte sich an das, was er seiner Mutter gesagt hatte. «Es ist doch nur eine Geschichte», waren damals seine Worte. Aber es war wohl eben doch nicht nur eine Geschichte. Do-Lin stand auf.

«Ich gehe jetzt zum Kapitän», sagte er ernst. «Wir dürfen die Grenze des Zauberbannes, wenn es ihn denn gibt, nicht überschreiten.»

«Aber wie sollen wir diese Grenze finden?», wollte Miho wissen.

«Ich habe da schon eine Idee, Miho. Der Wind drehte, als man vom Ausguck des Schiffes, auf dem die beiden alten Geschichtenerzähler unterwegs waren, die Bergspitzen der Drachen-Inseln sehen konnte. Zu diesem Zeitpunkt befand sich das Schiff wahrscheinlich schon innerhalb der Grenzen des Zauberbannes. Wir müssen Sigon und Roman benachrichtigen. Sobald sie die Inseln sehen können, müssen wir das Schiff stoppen.»

Sigon und Roman kamen jeden Morgen und jeden Abend zur Gong-Gong. An diesem Abend wartete Do-Lin auf die beiden. Er erzählte ihnen, was sie herausgefunden hatten. Sigon hatte noch nie etwas von diesem Zauberbann gehört, war aber von den Schlussfolgerungen, die Do-Lin aus den verschiedenen Berichten gezogen hatte, beeindruckt. Was würden sie nur ohne diesen alten Mann machen?

Sigon und Roman erhielten den Auftrag, sich umgehend zu melden, wenn sie die Drachen-Inseln sehen konnten. Frido wurde angewiesen, vorläufig immer in der Nähe des Schiffes zu bleiben.

Neunzehn weitere Tage segelten sie nach Südosten. Es war zwar erst Anfang Mai, aber sie hatten zum Erstaunen des Kapitäns nicht mit den üblichen Frühjahrsstürmen zu kämpfen. Meist wehte nur ein leichter Wind und es gab nur wenige, niedrige Wellen. Dreimal passierten sie kleine Inselgruppen, die fast nur aus kahlen Felsen bestanden. Es war offensichtlich, dass diese Inseln unbewohnt waren. Vögel und Robben dagegen gab es in großen Mengen. Sigon, der deutlich schneller unterwegs war als die Gong-Gong, suchte sich jedes Mal einen Landeplatz, wenn sie eine Inselgruppe erreichten. Er konnte drei Tage am Stück fliegen, wenn es sein musste. Aber irgendwann musste er rasten und fressen. Sigon und Roman blieben jeweils einen oder zwei Tage auf den unwirtlichen Inseln, um sich auszuruhen und zu jagen.

Außer Sigon und Frido war kein Drache zu sehen. Fische gab es aber in Hülle und Fülle. Große Makrelenschwärme durchstreiften diesen Teil des Meeres, begleitet von hungrigen Haien und Thunfischen. Für Frido war jeder Tag ein Fest, während Sigon oft nur die getrockneten Fleischvorräte blieben, die der Fürst hatte an Bord bringen lassen. Sigon hoffte, dass er trotz des Zauberbannes zu den Inseln gelangen konnte, um dort zu jagen. Natürlich ohne Roman, denn er wollte seinen Freund nicht unnötigen Gefahren aussetzen.

Am Mittag des zwanzigsten Tages hörten sie laute, aufgeregte Rufe des Matrosen, der im Mastkorb saß. Er deutete auf einen entfernten Punkt, der sich ihnen schnell näherte. Der Kapitän lief zum Bug des Schiffes und hob sein Fernrohr an sein rechtes Auge. Der Punkt war Sigon und er schien es sehr eilig zu haben.

«Refft die Segel», schrie der Kapitän seine Männer an, die sich an Deck versammelt hatten. Augenblicklich traten die Männer in Aktion. Es dauerte nicht lange, dann hatte die Gong-Gong ihre Fahrt so sehr verlangsamt, dass sie fast still stand. Sigon umkreiste das Schiff, flog dann in die Nähe des höchsten Masten, damit Roman mit einem kühnen Sprung auf das Schiff gelangen konnte. Roman kletterte hinunter und ging zum Kapitän, der noch immer am Bug stand.

«Wir haben die Drachen-Inseln entdeckt, Kapitän.»

«Wie weit sind sie entfernt?», fragte Do-Lin aufgeregt,

der neben den Kapitän getreten war.

«Wir hätten sie wohl in ein paar Stunden erreichen können. Das Schiff ist vielleicht noch zwei Tagesreisen von den Inseln entfernt.»

Der Kapitän nickte, dann wandte er sich wieder an seine Männer.

«Lasst die Segel wie sie jetzt sind und haltet die Ruder bereit. Sobald wir auch nur die oberste Spitze eine der Inseln sehen, müssen die Segel komplett eingeholt werden. Dann heißt es rudern, Männer, und zwar zurück, aus der Gefahrenzone heraus.»

Die gesamte Mannschaft der Gong-Gong und alle Passagiere waren jetzt an Deck. Die Spannung war mit den Händen zu greifen. Sigon blieb in der Nähe von Frido, der langsam neben dem Schiff herschwamm. Kaum merklich bewegte sich die Gong-Gong weiter nach Südosten. Der Mann im Mastkorb suchte mit seinem Fernrohr den Horizont ab. Dort, kaum sichtbar, erschienen nach und nach zwei, drei dunkle Punkte. Sie hoben sich nur unwesentlich vom Grau des Meeres ab. Der Ausguck gab Alarm und die Matrosen holten die Segel vollständig ein. Das Schiff stand still und dümpelte sanft in den Wellen auf und ab.

Nur wenige Meter vor ihnen wurden die Wellen plötzlich größer. Dort musste es mehr Wind geben. Wind, der in Richtung Südosten blies. An Deck der Gong-Gong sagte niemand ein Wort. Alle starrten gebannt auf das vor ihnen liegende Meer …